Wednesday, October 26, 2005

Essay

Funktionalismus

Welche Hauptfragen und –anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski; oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliff-Brown?
Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trennte sich die Kulturanthropologie aus dem bis dahin gültigen Evolutionismus und entwickelte die funktionalistische Theorie.
Kulturanthropologen wie Bronislaw Malinowki oder Alfred Reginald Radcliffe-Brown wandten sich gegen die evolutionistische Betrachtungsweise und plädierten dafür,
die Kulturerscheinungen in ihrer alltäglichen Bedeutung für die Gesellschaft zu untersuchen. Sie taten dies, weil sie davon überzeugt waren, daß die Gesellschaft eine Art Organismus ist, in dem die Einzelteile eine bestimmte und bestimmbare Funktion für die Erhaltung des Gesamtsystems haben. Alle Gesellschaften, so nahmen sie an, streben, ob groß oder klein, nach einem Gleichgewichtszustand. Deshalb müssen die funktionalen Leistungen der Bestandteile der Gesellschaft möglichst störungs- und konfliktfrei erfolgen. [1]

Funktionalismus

Der Funktionalismus ging davon aus, dass man grundsätzlich an jede kulturelle Erscheinung die Frage stellen kann: Was ist eine Funktion?
Die Theorien über den Funktionsbegriff sind unterschiedlich:
“Funktion“ kann nämlich sowohl final, als Leistung auf einen intendierten Endzweck hin, als auch wie in der Logik und Mathematik als interdependente Abhängingkeitsbezeichnung zweier Variablen verstanden werden: im letzteren Sinne verwandte Radcliffe-Brown, im ersteren Malinowsi den Begriff vor allem. [2]

Der Funktionalismus dominierte die britische Social Anthropology von etwa 1920 bis 1970, und entstand als Kritik am Evolutionismus und Diffusionismus.
Eine Definition des Funktionalismus:
Methodologische Hypothese und letztlich auch paraphilosophische Doktrin, welche darin besteht, daß man jedes Sozialphänomen und jede Institution in ihren Beziehungen zur Gesamtheit des sozialen Gebildes untersucht, von welchem sie einen Bestandteil bildet. [3]

Bronislaw Kasper Malinowski (1884-1943)

Der Funktionalist Bronislaw Malinowski gilt als einer der wichtigsten Begründer des britischen Funktionalismus und als Pionier der Feldforschung.
Malinowski formulierte als Erster die zentrale Stellung der Feldforschung innerhalb der Ethnologie, ohne jedoch der “Vater“ der Methode zu sein. Damit schafft er die wichtigste methodologische Grundlage der modernen Kulturanthropologie. [4]

Malinowski wuchs als Krakauer in der Donaumonarchie auf und bemerkte, dass die nach Unabhängigkeit strebenden nicht-deutschsprachigen Nationalisten die Geschichte für ihre eigenen Anliegen instrumentalisierten.
Er wanderte, nachdem er sein erstes Studium der Naturwissenschaften, Psychologie und Nationalökonomie in Österreich und Deutschland absolviert hatte, nach England aus. „The Golden Bough“ von Frazer weckten angeblich sein Interesse für Humanwissenschaften. Seine erste Veröffentlichung war „The Family among the Australian Aborigines“ (1913). Seine Feldforschungen machte er 1914-1918 auf den Trobiand-Inseln, sowie bei den Mailu und während einiger Monate im Jahre 1926 bei amerikanischen Indianern. Die Veröffentlichung von seinen Tagebüchern löste heftige Kritik aus, die seine wissenschaftlichen Errungenschaften nicht in den Schatten stellen sollte.

Mit Argonauts of the Western Pacific erschuf er ein neues Paradigma der Feldforschung. Es zählt auch acht Jahrzehnte nach seiner Entstehung noch immer zu den meistgelesenen Werken der ethnographischen Berichtliteratur. Es war die erste von insgesamt drei großen Monographien, in denen sich Malinowski mit jeweils einem spezifischen Aspekt der Kultur der Trobriand-Insulaner auseinandersetzte. Mit „The Sexual Life of Savages in North-Western Melanesia“ und den „Coral Gardens and Their Magic“ ist es die einflussreichste Trilogie unseres Faches.

Auch innerhalb der Wissenschaftsgeschichte ist das Werk bemerkenswert, da Malinowski hiermit sowohl die Schule des britischen Funktionalismus in der Ethnologie begründet als auch die Methodik der teilnehmenden Beobachtung in der Form entwickelt hat, in der sich noch heute als maßgeblich für Datengewinnung gilt. [5]

Malinowski trennte klar zwischen Social Anthropology und History. Seiner Ansicht nach darf ein kulturelles Phänomen in der Gegenwart nicht aus der Geschichte heraus erklärt werden, sondern müsse anhand seiner heutigen Funktion für die betreffende Kultur erklärbar sein.

Der Funktionalismus prägte die Ethnologie tief greifend, wenngleich er unter dem Einfluss von Alfred Radcliffe-Brown schon bald den Wandel zum Strukturfunktionalismus durchlaufen sollte.

Strukturfunktionalismus

Ziel des Strukturfunktionalismus ist eine Form der Analyse von Verwandtschaftssystemen, die nicht mehr nach Ursprung und Entwicklung, sondern nach sozialen Strukturen und Funktionen fragt. [6]

Alfred Reginald Radcliffe-Brown (1881-19455)

Radcliffe-Brown stammte aus Birmingham und machte 1904 seinen Bachelor in Cambridge. In seiner Jugendzeit war er aktiver Anarchist, von seinen Kommilitonen wurde er "Anarchy Brown" genannt. Zeit seines Lebens befasste sich Radcliffe-Brown mit der zentralen Frage, ob und auf welche Weise Menschen ohne Herrschaft und ohne Staat leben können. Seine Idee der staatenlosen Selbstregulierung nicht-industrialisierter Gesellschaften geht vom so genannten "Gleichgewichtsmodell" aus. Aus diesen Modell heraus entwickelte sich die so genannte "Segmentäre Theorie".

Er lehrt in Australien, Südafrika, USA und letztlich in Großbritannien und übte überall einen dauerhaften Einfluss aus. Er war Theoretiker und bekannt für seine Auffassung über soziale Phänomene. Seine Feldforschung auf den Andamaneninseln und seine Beiträge zu den Verwandtschaftssystemen, sowie die soziologische Theorie der australischen Stämme waren sehr bedeutend für die Geschichte der Wissenschaft.
The Andaman Islander gilt als der entscheidenste Beitrag von Radcliffe-Brown, in dem er Leitlinien der Arbeitsweisen aufzeigt die für die britische Social Anthropology bestimmend wurde.
Die Funktionen der gesellschaftlichen Institutionen sollte in ihren Nutzen für die Gesamtgemeinschaft und ihren Beziehungen zwischen sozialen Strukturen und religiösen Denken und Handeln analysiert werden. [7]
Weitere Werke waren Social Organization of Australian Tribes, Structure and Function in Primitive Society und African System of Kinship and Marriage.

Unterschiede von Malinowski und Radcliffe-Brown

Die Auffassung über Theorie und Methode gehen weit auseinander.
Malinowski stellt das Individuum mit seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt der Betrachtung. Jede Institution erfüllt eine Funktion.
Für Radcliffe-Brown ist Kultur ein Organismus, wobei die Institutionen zu ihrem Erhalt beitragen. Jeder Bestandteil einer Sozialstruktur übt eine Aktivität aus, die wiederum eine Funktion hat. Darüber hinaus stellen soziale Beziehungen für Malinowski nur ein Untersuchungsobjekt neben anderen dar.
Am Ggs. zwischen dem romantischen Individualisten Malinowski und dem rationalen Systemdenker Radcliffe-Brown lassen sich sehr gut die versch. Betrachtungsweisen von Kultur ablesen: Ersterer geht vom einzelnen Menschen, seinem Handeln und Erleben aus, der Zweite von der Gruppe und ihren Regeln. [8]

Wirkung und Vermächtnis

Die Wirkung Malinowskis reicht weit über die Ethnologie hinaus, z.B. bis in die Soziologie hinein Die Einf. Der Methode der „teilnehmenden Beobachtung“ bewirkt seinen Ruf als einer der Gründerväter der Ethnologie. Dagegen ist die Erinnerung an Radcliffe-Brown verblasst, wohl weil sein Denken sehr schemat. und absolut angelegt war. [9]
Die Kulturbeschreibungen der Funktionalisten sind jedoch von bleibenden Wert, da sie die Erkenntnis der Verknüpftheit kultureller Erscheinungen ernst nahmen und es sich zur Aufgabe machten, die Verknüpfungen aufzudecken. Sie begründeten vor allem die gegenwartsbezogene Social Anthropology. Weiters bildeten sie eine Reihe brillanter Forscher aus und gaben so der britischen Social Anthropology Profil.

Quellenangabe

[1] Hermann Korte (1992): Einführung in die Geschichte der Soziologie. S.177, Opladen
[2] Hans Fischer (1998): Ethnologie. S. 37, Reimer, Hamburg
[3] Michael Panoff/Michel Perrin (2000): Taschenwörterbuch der Ethnologie. S.93,
Reimer, Berlin
[4] Dieter Haller (2005): dtv-Atlas Ethnologie. S. 49, Deutscher Taschenbuch Verlag,
München
[5] Feest/Kohl (2001): Hauptwerke der Ethnologie. S 282, Kröner, Stuttgard
[6] Haller, ebenda, S.49
[7] Feest/Kohl, ebenda, S. 371
[8] Haller, ebenda, S.49
[9] Haller, ebenda, S.50